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Medien und Privatsphäre

Neu im Januar 2017: Mein Artikel "Medienensembles" in der medienpädagogischen Zeitschrift Medienimpulse.at.

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Literaturtheorien: Strukturalismus und Psychoanalyse

Eine kurze Einführung für den Schulunterricht, mit Beispielen aus Franz Kafkas Roman „Der Proceß“

Diesen Artikel als PDF lesen. Dieser Artikel wurde 2012 verfasst und zuletzt 2017 überprüft.

Strukturalismus

Der Begriff Strukturalismus vom kommt von „Struktur“, was so viel wie Aufbau, Schichtung bedeutet. Der Strukturalismus ist von der strukturalistischen Sprachtheorie Ferdinand de Saussures beeinflusst. Er sucht in literarischen Texten vor allem nach Beziehungen zwischen Bedeutungselementen aller Art.
Die Sprachtheorie nimmt an, dass sprachlicher Sinn sich nur über Oppositionen (Gegensätze) verwirklicht. So kann man jede sprachliche Einheit nur deswegen verwenden, weil sie in Opposition zu anderen Einheiten steht, und zwar auf jeder Ebene:
lautlicher Gegensatz: Bach <=> Buch
semantischer (Sinn-) Gegensatz: Haus <=> Zelt

Für die Literatur gilt: Es können z.B. alle Einheiten des Textes, die mit dem Bedeutungsgehalt „Kind vs. Erwachsen“ zu tun haben, miteinander verglichen werden. Dabei wird man in einer Interpretation von Kafkas Proceß-Roman z.B. danach fragen, wie die Opposition

jung <=> alt

(sofern der Altersunterschied eine Generation oder mehr ist) in diesem Text gestaltet ist, wie das Verhältnis zwischen der jüngeren und der älteren Seite jeweils aussieht und ob es Parallelen zwischen diesen Beziehungen gibt, d.h.: Welche Ähnlichkeiten gibt es zwischen dem Verhältnis zwischen Josef K. und seinem Onkel einerseits und dem zwischen den verschiedenen Kindern und Josef K. andererseits?

Man beobachtet demnach also eigentlich Beziehungen zwischen Beziehungen. Der Sinn eines Textes ist vor allem in diesen Beziehungen enthalten, bzw. er ergibt sich durch diese Beziehungen und Oppositionen, aber er tritt nicht sozusagen noch zum Text hinzu. Dies kann man auch an der Sprache selbst beobachten.
Strukturalistische Verfahren im weiteren Sinne sind z.B. Wortfelduntersuchungen; alle Fragen, die auf Verhaltensstrategien zielen, müssen letztlich Strukturen beschreiben.
Beispiel:
Wie gehen die einzelnen Instanzen mit ihrem Wissen um? Wird Wissen weitergegeben oder wird es „verknappt“? In diesem Sinne kann man den Anwalt und den Maler in eine spezifische Opposition zueinander setzen und mit diesen wiederum alle anderen Figuren und Instanzen vergleichen, die Wissen verarbeiten und transportieren:

>> den Kaplan >> den Türhüter >> der Anwalt>> der Maler
>> die Wächter

Auch hier wird wieder klar: Jedes dieser „Wissens-Verhältnisse“ ist ein Verhältnis zwischen Figuren, und vergleichen kann man dann nicht die Figuren, sondern die Verhältnisse zwischen diesen Figuren, bezogen auf das jeweilige Sinnelement.
Ein Text wird daher mit einem Geflecht verglichen. Die Beziehung zur Realität ist nicht mehr das Wichtigste: Der künstlerische Text wird nicht in erster Linie als Abbild der Realität gesehen, sondern als autonomes Gebilde.

Psychoanalytische Literaturtheorie

Der Begründer der Psychoanalyse, der Wiener Nervenarzt Siegmund Freud (1856-1939), nahm an, dass die menschliche Psyche von drei Instanzen bestimmt ist:

1. Dem Ich, das alle miteinander in Konflikt stehenden Strebungen und Einflüsse in Einklang bringen muss und das von...
2. dem Es bedrängt wird, welches das Lustprinzip repräsentiert, das ist ein unbegrenzter Lebenswille, oder auch das Begehren. Die Instanz, die das Ich dazu zwingen möchte, die Luststrebungen (das Es) zu begrenzen, nennt Freud ...
3. das Über-Ich. Dieses entsteht im Laufe der Erziehung und ist die Instanz, die die Forderungen, Normen und Verbote an das Ich richtet. Das Über-Ich ist nicht unbedingt mit der Vernunft gleichzusetzen, denn diese ist eines der Hilfsmittel (und, nach Freuds Ansicht ein eher schwaches), mit denen das Ich sich gegen das Über-Ich abgrenzen kann.

Die Konflikte zwischen diesen Instanzen geschehen nun nicht bewusst und gesteuert, sondern sie bilden die Grundlage des Gefühlslebens eines jeden Menschen. Viele dieser Gefühle werden ins Unbewusste abgedrängt („verdrängt“), aus verschiedenen Gründen, z.B. weil sie das Selbstbild des Menschen stören würden.
Freud hat zwar eine Kulturtheorie entworfen und auch über Literatur geschrieben, aber sein eigentliches Anliegen war es, Heilungsmethoden für Menschen mit seelischen Problemen zu finden. Seine Theorie soll daher erklären, wie es kommt, dass manche Menschen nicht über ihr eigenes Verhalten Herr sind oder von ihren eigenen Gefühlen gequält werden.
Freund nahm an, dass seelische Störungen ihre Ursachen in der frühen Kindheit haben.
Deshalb entwickelte er eine Theorie der frühkindlichen Entwicklung. Das neugeborene Kind ist ganz von seinen Wünschen bestimmt. Es nimmt zunächst noch keinen Unterschied zwischen sich und der Welt wahr. Freud nennt dies die narzisstische Phase: Das unfertige Ich bezieht alles auf sich selbst, es hat noch keine Liebesobjekte außerhalb seiner selbst. Wenn es dann die Mutter als Liebesobjekt wahrnimmt, ist sein Glück dennoch nicht vollkommen, denn es muss lernen, dass es sein Liebesobjekt mit anderen teilt. So entsteht ein Beziehungsdreieck aus Mutter, Vater und Kind, in dem das Kind lernt, seine Beziehungswünsche mit der Realität abzustimmen. Wenn das Kind hier dazu gezwungen wird, seine Bedürfnisse zu unterdrücken, dann wird es dazu neigen, diese Sichtweise der Konflikte auf andere Personen im späteren Leben zu projizieren. Beispiel: Josef K. unterwirft sich dem Onkel in einer ähnlichen Weise, wie sich ein Kind seinem Vater unterwerfen würde. Eine andere Denkfigur ist die Identifikation mit dem Aggressor. So kann man Josef K.’s Versuche deuten, die Übergriffe vonseiten des Gerichts zu rechtfertigen. Identifikation mit dem Aggressor bedeutet, dass ein Angegriffener – ein kleines Kind, ein Angeklagter wie Josef K. in Kafkas Roman – weil er weder zu fliehen noch sich zu wehren weiß, als dritte Möglichkeit sich an den Angreifer so stark anpasst, dass er sich mit diesem identifiziert, sozusagen den Angreifer sich einzuverleiben versucht, damit er von ihm nicht mehr angegriffen werden kann.
Dass in derartige Schilderungen eigene Erfahrungen des Autors einfließen (und auch verarbeitet werden), ist eine weitere These der psychoanalytischen Literaturtheorie.

 

Literatur

Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen, Frankfurt a.M. 1984 (Erstveröff. 1936)

Matías Martinez / Michael Scheffel: Klassiker der modernen Literaturtheorie. Von Sigmund Freund bis Judith Butler, München 2010

Jurij Michailowiè Lotman: Die Struktur des künstlerischen Textes, hrsg. mit einem Nachwort und einem Register von Rainer Grübel, aus d. Russischen übers. v. Rainer Grübel / Walter Kroll / Hans-Eberhard Seidel, Frankfurt a.M. 1973 [Russ. Original Moskau 1970]