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Schattenbäume

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Medien und Privatsphäre

Neu im Januar 2017: Mein Artikel "Medienensembles" in der medienpädagogischen Zeitschrift Medienimpulse.at.

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Die Elegien der Sulpicia mit einer neuen Übersetzung

Diese Gedichte sind nach allgemeiner Auffassung sicher von Sulpicia:

3,13: Tandem venit amor

3,14: Invisus natalis adest

3,15: Scis iter

3,16: Gratum est

3,17: Estne tibi

3,18: Ne tibi sim

Sulpicia war vermutlich die Nichte von M. Valerius Messalla Corvinus (cos. 31 v.Chr.), dem Mäzen des Tibullus.

Übersetzungen: T.Bechthold-Hengelhaupt

3,13

Tandem venit amor, qualem texisse pudori

quam nudasse alicui sit mihi fama magis.

Exorata meis illum Cytherea Camenis

adtulit in nostrum deposuitque sinum.

Exsolvit promissa Venus: mea gaudia narret, 5

dicetur siquis non habuisse sua.

Non ego signatis quicquam mandare tabellis,

ne legat id nemo quam meus ante, velim,

sed peccasse iuvat, vultus conponere famae

taedet: cum digno digna fuisse ferar. 10

Endlich kam die Liebe, die von der Art ist, dass es mir mehr Schande einbringt, wenn ich sie vor der Scham verhülle, als wenn ich sie jemandem entblöße.
Cytherea, von meinen Liedern erweicht, brachte sie mir und legte sie in meinen Schoß.
Venus löste ihre Versprechen ein: Soll er doch meine Freuden herumerzählen, er, von dem man erzählt, er habe keine eigenen gehabt.

Nichts mag ich den versiegelten Täfelchen anvertrauen, damit es niemand vor meinem Geliebten liest, aber es macht Freude, gesündigt zu haben, es verdrießt hingegen, für den guten Ruf eine gelassene Miene zu heucheln: Man wird von mir sagen, ich sei als Edle mit einem Edlen zusammen gewesen.

Anmerkung:

Cytherea: Venus

 



3,14

Invisus natalis adest, qui rure molesto

et sine Cerintho tristis agendus erit.

Dulcius urbe quid est? an villa sit apta puellae

atque Arretino frigidus amnis agro?

Iam, nimium Messalla mei studiose, quiescas, 5

heu tempestivae, saeve propinque, viae!

Hic animum sensusque meos abducta relinquo,

arbitrio quamvis non sinis esse meo. 8

Der verhasste Geburtstag ist da, den ich auf dem beschwerlichen Land und ohne Cerinthus verbringen muss. Was ist süßer als die Stadt? Oder ist etwa das Landgut für ein Mädchen geeignet und der kalte Fluss im Arretinischen Land? Bitte gib schon eine Ruhe, Messalla, der du dich zu sehr um mich sorgst – ach, mein ungestümer Verwandter, wie unwillkommenen sind diese Reisen! Hier lasse ich, da ich entführt wurde, meinen Geist und meine Sinne zurück, wenn du mich nicht nach meinem Willen leben lässt!


 

3,15: Scis iter

Scis iter ex animo sublatum triste puellae?

natali Romae iam licet esse suo.

Omnibus ille dies nobis natalis agatur,

qui nec opinanti nunc tibi forte venit.

Weißt du, dass die Last der traurigen Reise dem Mädchen von der Seele genommen wurde? Jetzt darf sie an ihrem Geburtstag in Rom sein. Für uns alle soll dieser Geburtstag ein Feiertag sein, der dir unverhofft vom Zufall geschenkt wurde.


3,16: Gratum est

Gratum est, securus multum quod iam tibi de me

permittis, subito ne male inepta cadam.

Sit tibi cura togae potior pressumque quasillo

scortum quam Servi filia Sulpicia:

Solliciti sunt pro nobis, quibus illa dolori est, 5

ne cedam ignoto, maxima causa, toro.

Es ist wunderbar, dass du dir so viel bei mir herausnimmst, weil du dir sicher bist, dass ich nicht plötzlich töricht mich verliere. Die Sorge um dein Amt* oder eine Dirne, die sich beim Stricken abmüht, möge dir wichtiger sein als Sulpicia, die Tochter des Servius: Die, denen jene ein Gräuel ist, sind besorgt um mich, dass ich nicht – das ist der größte Grund ihrer Sorge – vom schimpflichen Lager weiche.

*: üblicherweise wird so übersetzt: Die Sorge um eine gewöhnliche Dirne (‚toga‘ als Metonymie für Dirne – Problem: diese Bedeutung ist nur hier belegt).


3,17: Estne tibi

Estne tibi, Cerinthe, tuae pia cura puellae,

quod mea nunc vexat corpora fessa calor?

A ego non aliter tristes evincere morbos

optarim, quam te si quoque velle putem. 5

At mihi quid prosit morbos evincere, si tu

nostra potes lento pectore ferre mala?

Liegt dir nicht, Cerinthus, die Sorge um dein Mädchen am Herzen, weil jetzt die Hitze meinen ermüdeten Körper quält?
Weh – ich wollte nicht anders die traurige Krankheit überwinden, als wenn ich dächte, du wünschst dir das auch.
Aber was nützt es mir, die Krankheit zu überwinden, wenn du leichten Herzens mein Leid hinnehmen kannst?


3,18: Ne tibi sim

Ne tibi sim, mea lux, aeque iam fervida cura

ac videor paucos ante fuisse dies,

si quicquam tota conmisi stulta iuventa,

cuius me fatear paenituisse magis,

hesterna quam te solum quod nocte reliqui, 5

ardorem cupiens dissimulare meum.

Ich will dir, mein Licht, nicht von so brennender Bedeutung sein, wie ich es, so scheint es, vor ein paar Tagen noch war, falls ich Dummkopf vor lauter jugendlichem Unverstand etwas tat, das ich – ich gestehe es – dann stärker bereut habe, als ich dich in der gestrigen Nacht alleine zurückließ, weil ich mein Verlangen verbergen wollte.