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Medien und Privatsphäre

Neu im Januar 2017: Mein Artikel "Medienensembles" in der medienpädagogischen Zeitschrift Medienimpulse.at.

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Medienkompetenz im altsprachlichen Unterricht

Erschienen in: Der Altsprachliche Unterricht 45 (3+4 2002), S. 42-46.
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Im Folgenden wird eine zitierfähige Version angeboten, die mit dem gedruckten Artikel textgleich ist und in die die Seitenzahlen der Printversion von 2002 eingearbeitet sind. Die Seitenwechsel sind in diesem Dokument in eckigen Klammern angegeben, also in dieser Form: [1 | 2] bedeutet: Ende von Seite 1, Anfang von Seite 2.
Notwendige Ergänzungen aus dem Jahr 2015 sind durch rote Textfarbe gekennzeichnet.

Abstract (angefügt 2016)

Der Aufsatz resümiert positive und negative Stimmen zur Verwendung des Begriffs "Medienkompetenz" im Zusammenhang mit dem Unterricht der alten Sprachen. Der Begriffsbestandteil "Kompetenz" wird aus den Erläuterungen des PISA-Konsortiums entwickelt. Als zentral für diesen ursprünglichen Begriff der Kompetenz wird die Fertigkeit im Lösen von Problemen verstanden. Der eigene Begriff der Medienkompetenz umfasst drei Komponenten: Die Auswahl von Medienangeboten, deren Beurteilung nach rationalen Kriterien und die Verwendung des gefundenen Materials. Dabei wird auch auf die Wichtigkeit technischer Kenntnisse hingewiesen.

S. 42:


Tilman Bechthold-Hengelhaupt: Medienkompetenz im altsprachlichen Unterricht

Medienkompetenz: Was ist mit diesem Begriff gemeint? Kann er sinnvoll verwendet werden, d.h. kann er Aufschluss über die Möglichkeiten eines Einsatzes der neuen Medien geben und welchen Inhalt kann er mit Blick auf die besonderen Aufgabe der alten Sprachen in der Schule gewinnen?

Eine erste Annäherung an dieses Thema kann das neue Medium par excellence, das Internet geben, spiegelt es doch wider, welche Meinungen zu einem Thema vertreten werden, und zudem zeigt es, ob bestimmte Begriffe irgendwo in einem Zusammenhang, d.h. zumindest einmal auf einer Internetseite gemeinsam auftreten.

„Lateinunterricht“ und „Medienkompetenz“ im Internet

Sucht man im Internet mit Hilfe der Suchmaschine Google (www.google.de) nach diesen Begriffen [Fußnote 1], so findet man Unterschiedliches:

Naturgemäß spiegelt das Internet immer nur einen Teil der öffentlich geäußerten Meinungen wider und es ist nötig, das Material, das man dort findet, mit den in anderen Medien geäußerten Positionen zu vergleichen. Ein solcher Vergleich zeigt aber, dass die Positionen als solche auch im Internet zu erkennen sind (wenn auch oft in weniger komplexer Form, vielleicht deshalb, weil an die Veröffentlichung im Internet weniger strenge Maßstäbe gelegt werden als in den „alten“ Printmedien).
Nach der Meinung der einen ist der Unterricht der alten Sprachen sehr wohl dazu geeignet, die Schüler mit neuen Medien vertraut zu machen, und er kann auch selbst von diesen profitieren.
M. Diefenbach führt hierzu im o.g. Artikel unter anderem an, dass die Schüler die Internetseiten von „Roma Antiqua“ dazu verwenden können, den realienkundlichen Bezug zu gewinnen und zu vertiefen, um „das dem altsprachlichen Unterricht eigene Wirklichkeitsdefizit“ auszugleichen. „Roma Antiqua“, eine in der Tat ansprechend und informativ gestaltete Website, bietet Texte über verschiedene römische Baudenkmäler an und illustriert diese mit informativen Bildern.
Diefenbach hebt die motivierende Wirkung eines derartigen Zugangs hervor. Sie verschweigt auch nicht, dass es bestimmte neue Probleme oder Herausforderungen gibt, auf die neue Antworten gefunden werden müssen. So sind die unterschiedlichen Kenntnisse der Schüler in der Bedienung der Computer auszugleichen; man muss verhindern, dass die Schüler die Arbeit im Internet für Ausflüge in [42 | 43 ] unerwünschte Zonen missbrauchen, und es stellt sich die Frage, wie das Material präsentiert werden sollte und wie die Ergebnisse gesichert werden können.
Diese Fragen führen bereits in das Zentrum einer Beschäftigung mit den neuen Medien im Lateinunterricht; bevor sie genauer betrachtet werden können, sei hier der Seite noch einmal Beachtung geschenkt, die den Begriff der Medienkompetenz lieber von den alten Sprachen fernhalten möchte.

Wer unter dem Begriff „Medienkompetenz“ weitersucht, stößt auf die Glosse „Kompetenz der Kompetenz der Kompetenz … Anmerkungen zur Lieblingsmetapher der Medienpädagogik“ von Hans-Dieter Kübler [Fußnote 6]. Hier wird einem sicher unter den Kollegen, die dem Aufbruch in die neue Medienwelt skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, weit verbreiteten Gefühl Ausdruck gegeben, aber es finden sich auch bedenkenswerte Einwände gegen einen vorschnellen und unüberlegten Gebrauch des Begriffs Medienkompetenz: Nicht nur unterliege der Begriff modischen Schwankungen und Konjunkturen, ja er sei gar als so etwas wie ideologisches Münzgeld anzusprechen, sondern er sei auch notorisch unterbestimmt.

Hervorheben möchte ich hier die Aporie der Medienpädagogik, auf die Kübler hinweist und die man wie folgt formulieren könnte: Einerseits will die Medienpädagogik keine ‚Bewahrpädagogik’ mehr sein, welche die Zöglinge vom Gebrauch von schädlichen Medien abschrecken will, andererseits kann sie dann aber nicht mehr sagen, wozu sie eigentlich da ist, wenn sie nicht die ohnehin schon vorhandenen Muster des Medienkonsums affirmativ und im schlechten Sinne postmodern einfach reproduzieren und ornamental ausschmücken möchte.

Für das einzelne Schulfach, hier den altsprachlichen Unterricht, kommt hinzu, dass dieser bzw. dessen Didaktik sich darüber klar werden muss, wieso er und wie er denn die Medienpädagogik integrieren soll. Das ist um so wichtiger, als die neuen Medien nach und nach bereits in den Unterricht auch der alten Sprachen Eingang finden; hier sei nicht nur an das Ergebnis der Internetrecherche (s.o.) erinnert, sondern auch z.B. auf den neuen Lehrplan für das Fach Latein in der Oberstufe des Gymnasiums in Baden-Württemberg erinnert, in dem es z.B. unter der Überschrift „Methodische Kompetenzen“ heißt: „Medienkompetenz ist Voraussetzung und Zugangsmöglichkeit zu selbständiger Textinterpretation.“ [Fußnote 7]
Benutzung elektronischer Medien, Recherche in Bibliotheken und im Internet sowie die Verwendung von Präsentationsprogrammen gehen in die gleiche Richtung.

Zum Begriff „Medienkompetenz“

Wer ein vertieftes Verständnis des Begriffs Medienkompetenz gewinnen möchte, muss das Begriffselement „Kompetenz“ ernst nehmen, unerlässliche Voraussetzung für einen Einblick in die gegenwärtigen pädagogischen Debatte. Die viel diskutierte PISA-Studie, die deutschen Schülern z.B. in Lesefähigkeiten und mathematischen Fertigkeiten einen weniger vorteilhaften Platz auf der internationalen Rangliste attestierte, stützt ihre Theorie im Wesentlichen auf dem Begriff der Kompetenz. Die Tests, denen sich Schüler in 32 Staaten unterzogen, untersuchten nicht das Wissen der jeweiligen Schülerpopulationen, sondern ihre Fertigkeit im Lösen von Problemen. So liest man in der Studie:

„Man kann gar nicht nachdrücklich genug betonen, dass PISA keineswegs beabsichtigt, den Horizont moderner Allgemeinbildung zu vermessen, oder auch nur die Umrisse eines internationalen Kerncurriculums nachzuzeichnen.“ [Fußnote 8]

Die Vorstellung eines statischen Reservoirs an Wissensgut wird hier aufgegeben und abgewiesen, nicht aber die Vorstellung, dass die Schule Zugangswege zum Verständnis der Wirklichkeit zu eröffnen habe. Kompetenzen und Lernstrategien sollen die Schüler befähigen, sich in ihrer Welt denkend und handelnd zu orientieren:

„In der Substanz geht es um die Orientierungswissen vermittelnde Begegnung mit kognitiver, moralisch-evaluativer, ästhetisch-expressiver und religiös-konstitutiver Rationalität. Gegenüber diesen kanonischen Prinzipien moderner Allgemeinbildung sind Fächer und Themen variabel, nicht aber die in PISA untersuchten kulturellen Basiskompetenzen.“ (ebd.)

Der PISA-Studie liegt ein „kognitiver Kompetenzbegriff zu Grunde, der sich auf prinzipiell erlernbare, mehr oder minder bereichsspezifische Kenntnisse, Fertigkeiten und Strategien bezieht.“ (S. 22) Der Gegensatz von (Fakten-)Wissen und Verstehen sei überholt, vielmehr handle es sich „beim selbstregulierten Lernen und bei der Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit … um komplexe Handlungskompetenzen, die auf dem Zusammenspiel kognitiver, motivationaler und emotionaler Kompetenzen beruhen.“ (ebd., Hervorhebung im Original).

Der altsprachliche Unterricht kann diese Sichtweise zu seinem eigenen Vorteil übernehmen. Er kann sich als selbstverständliches Element des schulischen Kanons behaupten, wenn er zu zeigen vermag, dass die Vermittlung der fundamentalen Kompetenzen mit dem Fachunterricht aufs engste verschränkt ist.

Latein- oder Griechischlehrer wollen ihre Schülerinnen und Schüler mit einem Grundbestand an Wissen ins Leben entlassen: Sie sollen ein Bild von der Antike, von der Lebensweise und den Weltbildern der Menschen haben, und sie sollen über sprachliche Fertigkeiten verfügen, die es ihnen erlauben, mit Hilfe von Lexika und anderen Hilfsmitteln Texte aus den klassischen [43 | 44 ] Sprachen zu übersetzen und diese Kenntnis der Quellentexte in ein lebendiges Bild der Antike zu integrieren. Um diese im engeren Sinne fachspezifischen Ziele anzustreben, sollen die Schüler mit Texten vielfältig umgehen können, also die erweiterte Lesefähigkeit erwerben, von der PISA ausgeht, und sie sollen einschätzen lernen, wie sie die verschiedenen Medienangebote für ihre Zwecke nutzen können.

So stellt der Fachunterricht die Realität in Rechnung, in welcher die Schüler leben, eine Realität, in der eine Pluralität von Medien selbstverständlich ist und auch ermöglicht, dass die Schüler in ihrem späteren Leben auch unter veränderten Medienbedingungen ihr Wissen auffrischen und erweitern können, wenn sie dies wünschen.

Ausgangspunkt für das Folgende ist diese rezeptive Medienkompetenz, d.h. die Fähigkeit, vorhandene Bildungs- und Informationsangebote zu nutzen. Im Anschluss an die Arbeiten von Dieter Baacke [Fußnote 9] kann man Medienkompetenz differenzieren in Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung; die Fähigkeit, Medienangebote selbst zu gestalten, schließt sich an die Nutzung vorhandener Medien an und kann von dieser nicht getrennt werden, sie kann aber in diesem Aufsatz nur am Rande behandelt werden.

Die Offenheit des Begriffs (s.o.) legt es nahe, immer wieder neu nach Definitionen zu suchen. Hier soll folgender Vorschlag zur Diskussion gestellt werden:

Medienkompetenz wird hier als Fähigkeit verstanden,…

Die drei wesentlichen Merkmale dieser Definition sollen nun im Einzelnen näher bestimmt und mit Beispielen illustriert werden.

  1. Die Auswahl

    Der herkömmliche Lateinunterricht setzt das Medium Lateinbuch ins Zentrum; es wird um unterstützende zusätzliche Medien wie Arbeitsblätter, Kopien aus Büchern, Folien etc. ergänzt. All dies wird vom Lehrer ausgewählt. Die traditionelle Medienverwendung beruht auf dem Prinzip der Informationsverknappung: Die Lehrerin oder der Lehrer wählt aus der Fülle der möglichen Texte diejenigen aus, die für die Schüler geeignet erscheinen.
    Eine Didaktik, die darauf abzielt, den Schülerinnen und Schülern Lernstrategien der zu vermitteln, sollte die Frage thematisieren, was von einem Medium zu erwarten ist. Im Unterricht der alten Sprachen kann das dann geübt werden, wenn der Frontalunterricht zumindest teilweise zugunsten von Arbeitsformen aufgegeben wird, in denen die Schüler bestimmte Fragen wahlweise mit Hilfe verschiedener Medien zu beantworten haben.

    Medienkompetenz umfasst dann zunächst die Auswahl der Medien, aus denen man Informationen schöpfen möchte, dann auch die Wahl des Mediums, das am besten geeignet ist, die Arbeitsergebnisse zu speichern und der Gesamtgruppe zu präsentieren. Der Computer ist hier das Verbundmedium, mit dem beides, rezeptiver und produktiver Zugang, verknüpft werden können. [Fußnote 10]

  2. Die Beurteilung der Medienangebote

    ist die Fähigkeit, deren Vermittlung mir als die zentrale Aufgabe des Unterrichts erscheint. Sehr leicht entsteht bei Schülern und Lehrern der falsche Eindruck, die Schüler kennten sich in der Verwendung des Internet bestens aus. Sie haben aber in der Regel — zumindest nach meiner Erfahrung — selbst dann, wenn sie über gute technische Kenntnisse verfügen und sich in den Angeboten des Internet umgesehen haben, noch keinen Begriff davon, wie das Internet, gerade auch im Vergleich und im Verbund mit anderen Medien wie Literaturgeschichten in Buchform oder Fachlexika, angemessen zu verwenden ist.
    Dem versucht die Formulierung, die einzelnen Angebote seien nach „rationalen und sachlichen Kriterien“ zu beurteilen, gerecht zu werden. Hier wie sonst auch muss der Lehrer zunächst didaktische Vorentscheidungen treffen:

    1. indem er Angebote auswählt, die zum Unterrichtsverlauf passen und die er für sinnvoll hält; diese kann er den Schülern als gute Beispiele vorstellen, und zwar indem er die CD-ROMs über das Netzwerk der Schule zugänglich macht bzw. die Internetadressen in eigens für den Unterricht zusammengestellten Linklisten zusammenfasst.
    2. Sollen die Schüler aber selbständig arbeiten und, entsprechend dem oben skizzierten Kompetenzbegriff, eigene Lernstrategien entwickeln, dann müssen sie Gelegenheit bekommen, selbst im Internet nach geeignetem Material zu suchen; dafür sollte man geprüfte Internet-Adressen bereithalten, um ganz unergiebige Umwege zu vermeiden.

    Ein Beispiel: Gibt man etwa für das Thema „Frauen in Rom“ bei der Suchmaschine Google (www.google.de) „frauen“ und „rom“ ein, so erhält man neben einschlägigen Seiten auch solche über CD-ROMs, die sich an Frauen richten, oder über Romreisen für Frauen. Seiten, die die Schülerinnen und Schüler zum Unterrichtsthema finden, zeigen erhebliche Qualitätsunterschiede; ich werde, gerade wenn das Thema in der Oberstufe behandelt wird, über eine eigens erstellte Linkliste
    [ 44 | 45 ] dann auf folgende Seiten gezielt hinweisen:

    a. http://www.uni-saarland.de/~su13mwfs/med/i-medkoe.html
    Anmerkung 2015: Diese Seite ist 2015 nicht mehr im Internet.
    Diese Seite eignet sich gut für eine Demonstration eines nützlichen Internet-Angebots, da die Autorin, Friederike Schneider, ihrem Artikel über Körperpflege in der Antike nicht nur erhellendes Bildmaterial beifügt, sondern auch die Quellen angibt, auf die sie sich stützt (unter anderem Ovid).

    Da ich vorgesehen habe, dass die Schüler sich auch mit Sulpicia beschäftigen, empfiehlt sich die folgende Seite, auf die die Schüler nicht von selbst kommen werden:

    b. http://www.humanities.uci.edu/classics/cane/sulpicia.html

    Anmerkung 2015: Dieser Kommentar kann im Jahr 2015 im frei zugänglichen Teil des Internet (vermutlich ausschließlich) über http://web.archive.org/ abgerufen werden.

    Spätestens hier wird der Unterricht Projektform annehmen müssen, denn die Schülerinnen, die sich mit diesem Kommentar zu den Elegien der Sulpicia von James R. Bradley auseinandersetzen, werden die Hilfe des Lehrers benötigen. Während also eine Gruppe eine einzelne Elegie einer genauen Analyse unterzieht, können andere in der „Bibliotheca Augustana“ nach den Gedichten der Sulpicia suchen:

    c. http://www.fh-augsburg.de/~harsch/augusta.html und die Übersetzung Mörikes am Originaltext überprüfen:

    d. http://www.geocities.com/~aristipp/morike/inhalt.htm
    Anmerkung 2015: Nach der Abschaltung von Geocities findet man Mörikes Übersetzung der Gedichte Sulpicias im Internet z.B. bei Google Books. Übersetzungen vom Autor dieser Website hier.

    Ein Kompromiss zwischen freier Suche und der vom Lehrer vorgegebenen Linkliste kann ein Einstieg über die entsprechenden Linklisten beim „lateinforum“ sein; für das Thema „Frauen in Rom“ gibt es eine eigene Seite:

    e. http://www.lateinforum.de/romfra.htm.

    Anmerkung 2015:Die Website lateinforum.de gehört jetzt einem anderen Betreiber; jetzt findet man diese Datei beim Internet-Archiv  Archive.org

    Von dort wird man auch zu Seiten wie der folgenden verwiesen: http://www.8ung.at/improm2000/life2.htm#frauen.

    Anmerkung 2015: Jetzt findet man diese Datei bei Archive.org.

    Solche Seiten bieten aber zu wenig, als dass sich ihre Verwendung didaktisch vertreten ließe.
    Vor der Frage, ob eine Internet-Seite für eine bestimmte Klasse geeignet ist, steht jedoch die nach ihrer sachlichen Richtigkeit. Oberstes Kriterium für die sachliche Angemessenheit eines Textes, der im Internet gefunden wird, ist seine Wahrheit. Während es aber Aufgabe der Wissenschaft ist, diese zu finden und in der wissenschaftlichen Debatte weiterzuentwickeln, kann der Lehrer nicht bei jeder einzelnen Frage wissenschaftliche Forschungen sui generis betreiben; er wird sich auf die Handbücher und Literaturgeschichten und auf die Namen bestimmter klassischer Philologen verlassen, die er im Studium und durch die Weiterbildung kennen gelernt hat, und bei Texten und Übersetzungen wird ihm der Name des Verlages, in dem ein Buch erschienen ist, Gewähr für die Zuverlässigkeit bieten. Die im Studium erworbenen Kenntnisse erlauben ihm, die Zuverlässigkeit der Quellen zu überprüfen.
    Mit anderen Worten: Medienkompetenz avant la lettre war immer schon Bestandteil einer wissenschaftlichen Ausbildung. Die neue Situation der elektronischen Medien bringt es nun mit sich, dass der Lehrer im Prinzip gar nicht verhindern kann, dass die Schüler selbst Zugang zu einer Fülle von Material haben, das er selbst vielleicht gar nicht kennt und dessen Wahrheitsgehalt die Schüler nur schwer überprüfen können.

    Man wird nun nicht nur beispielhafte Seiten im Unterricht einsetzen, etwa das bereits erwähnte „Roma Antiqua“ oder auch, ebenfalls für die Unter- oder Mittelstufe interessant, die Website www.villa-rustica.de, man wird es auch nicht vermeiden können, über den Wert eines bestimmten Internetangebots zu diskutieren. Kriterien, die hier zur Sprache kommen können, sind z.B., ob der Verfasser genannt ist, ob man erfährt, wer er ist, d.h. ob er selbst Lehrer/in, also wissenschaftlich ausgebildet ist, oder Schüler/in. Die Seiten von Lehrern sind oft sehr brauchbar; in meinem Buch habe ich einige Seiten vorgestellt, die mit Gewinn im Unterricht verwendet werden können. [Fußnote 11]

    Für die Grammatik, aber auch für immer wieder wichtige Themen wie den cursus honorum oder die römischen virtutes seien hier die Seiten von Karsten Rechentin genannt: www.dbg.rt.bw.schule.de/lehrer/rechus/latein/latein.htm
    Anmerkung 2015: Diese Inhalte finden sich jetzt auf der privaten Homepage des Verfassers der zuvor erwähnten Grammatikhilfen: www.rechus.de.

  3. Die Verwendung

    Im Einzelfall wird der Lehrer eine dieser Seiten bzw. das darin angebotene Material gegen Texte aus dem Umfeld der Referate- und Hausarbeiten-Websites verteidigen müssen, die nach meiner Übersicht diesem Vergleich so gut wie nie standhalten. Eine derartige Debatte kann sich zu einer Sternstunde nicht nur der Medienkunde, sondern auch der wissenschaftlichen Propädeutik entwickeln.

    Unter den Seiten, die aus wissenschaftlicher Sicht gutes Material anbieten, gibt es einige, die für Schüler, zumindest wenn sie selbständig arbeiten wollen, zu komplex sind, etwa die bereits erwähnte „KIRKE“ oder „Perseus“ (www.perseus.tufts.edu). Hier gilt das Kriterium der Angemessenheit in anderer Weise.

    Perseus ist übrigens eine der Seiten, die gute Übersetzungen, allerdings ins Englische, anbieten; was nach meiner Kenntnis im deutschsprachigen Internet an Übersetzungen geboten wird, ist nicht zu empfehlen. [Fußnote 12]

    Websites wie www.hausarbeiten.de, die bereits vorgefertigte Referate zu verschiedenen Themen, auch zu den Themen des altsprachlichen Unterrichts bereit halten, verleiten Schüler naturgemäß zum „Schummeln“, d.h. zum Kopieren der Texte, auch wenn die Betreiber gerade dieser Seite sich von dieser Praxis deutlich distanzieren und unmissverständlich auf die negativen Konsequenzen dieser Art des Betrugs hinweisen.[Fußnote 13]

    Es geht allerdings nicht nur um den echten Betrug, gegen den der Unterrichtende sich dadurch schützen kann, dass er für jedes eingereichte Referat und jede Hausarbeit im Internet danach recherchiert, ob dieser [45 | 46 ] Text bereits (von einem anderen Autor) vorhanden ist — eine Arbeit, die mit etwas Übung zur Routine wird und die heute selbstverständlich sein sollte.

    Auch ohne böse Absicht werden die Schüler, wenn sie interessante und verständliche Erläuterungen etwa zur villa rustica gefunden haben, immer zuerst dazu neigen, die Texte einfach zu kopieren. Entgegensteuern kann man dem z.B. mit Fragen, die die Schüler mithilfe ihrer Lesestücke und den Internetseiten, die sie gefunden haben, zu beantworten versuchen.
    Die Möglichkeit, fremde Texte zu kopieren, haben die Schüler ohnehin, nämlich wenn sie zu Hause einen Internetanschluss benutzen können; die Schule hat hier die Aufgabe zu zeigen, wie man mit dieser technischen Möglichkeit sinnvoll umgeht.

    Dies sei an einem Beispiel aus der Praxis erläutert: Ein Schüler eines Latein-Leistungskurses bekam die Aufgabe, ein Referat über Caesars Einfluss auf die römische Politik zwischen 61 und 51 v. Chr. zu halten.
    Als Quelle hatte ich ihm Christian Meiers Caesar-Monographie [Fußnote 14] empfohlen. Der Schüler hatte sich in seiner Arbeit aber im Wesentlichen auf zwei Seiten aus dem Internet gestützt [Fußnote 15] und deren Inhalt paraphrasiert, ohne die Texte im eigentlichen Sinn zu kopieren. Das Problem dieser Texte ist nicht, dass sie falsch sind, sondern dass sie – bezogen auf die Aufgabe und den Wissensstand der Schüler – sozusagen „unterkomplex“ sind, also die Verhältnisse zu sehr vereinfachen. Die Internet-Seiten, die der Schüler verwendete, mögen daher in bestimmten Kontexten ihren Sinn haben, enthalten aber zu wenig Einzelheiten. Dies sagte ich dem Schüler; der Konflikt wurde über die Note geführt. Allerdings wertete ich die Arbeit nicht als Betrug; schließlich hatte der Schüler ja die Quellen angegeben und auch nicht kopiert, aber er hatte das falsche, unangemessene Medium verwendet.

Schlussbemerkung

Die technischen Kenntnisse, die die Schüler für eine effektive Arbeit mit den neuen Medien benötigen, sollten zum einen im Verlauf des Unterrichts vermittelt werden; zum anderen kann der Lehrer hier darauf setzen, dass die Schüler und Schülerinnen sich gegenseitig unterweisen. Zudem ist eine Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Fächer, z.B. auch der Informatik, zu empfehlen. Welche technischen Kenntnisse im Einzelnen erforderlich sind, hängt von den eingesetzten Programmen ab; das Angebot ist hier sehr vielfältig, vor allem wenn man auch die Übersetzungsarbeit mit einbeziehen möchte. [Fußnote 16]

Wie weit sich die neuen Medien in den Unterricht der alten Sprachen werden integrieren lassen, das wird auch von den Experimenten abhängen, zu denen die Lehrer und Lehrerinnen bereit sind.

Die Möglichkeiten, mit den neuen Medien zu arbeiten, stehen bereit. Für die nächste Zeit wird es wichtig sein, Erfahrungen mit ihnen im Unterricht zu sammeln. Wenn die Schule dabei dieselben Medien verwendet, die die Schüler auch im Alltag einsetzen, dann kann sie ihre eigenen Anliegen umso klarer deutlich machen.

Wenn die Schüler auf diesem Weg an Medienkompetenz gewinnen, so wird das auch der Reputation der alten Sprachen in der Schule nicht schaden.


Anmerkungen

  1. Die Suche nach „Griechischunterricht“ und „Medienkompetenz“ bringt keine relevanten Ergebnisse. || Zurück zum Text
  2. http://www.lsg.musin.de/supportweb/disc_Computerkids.htm, Vortrag zum Mitschülerfest des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums Bamberg am 14.07.2000.
    Anmerkung 2015: Diese Seite ist nicht mehr im Internet zu finden. || Zurück zum Text
  3. http://gym-landau.de/sprachenwahl/wozuspr.htm.
    Anmerkung 2015: Diese Seite findet man nun bei Archive.org || Zurück zum Text
  4. Heft 37 (Feb. 2000); dieser Artikel ist auch auf den Seiten von http://www.roma-antiqua.de zum Download angeboten. ||
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  5. Arthur Bierganz: Neue Medien und Lateinunterricht, http://www.learn-line.nrw.de/angebote/lateinlebendig/foyer/foy4.htm
    Anmerkung 2015: Diese Seite ist nicht mehr im Internet zu finden. ||
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  6. medien praktisch 2/ 96, S. 115 f., zu erreichen unter http://www.gep.de/medienpraktisch/amedienp/mp2-96/2-96kueb.htm
    Anmerkung 2015: Diese Seite ist heute bei Archive.org zu finden. || Zurück zum Text
  7. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Bildungsplan für die Kursstufe des Gymnasiums (Kultus und Unterricht 3/2001, 23.8.2001). Die Oberstufenlehrpläne für Latein (Baden-Württemberg) sins im Internet unter http://leu.bw.schule.de/allg/bildungsplan/ beim Landesinstitut für Erziehung und Unterricht Baden-Württemberg abrufbar. Anmerkung 2015: Dieser Server existiert nicht mehr, ebensowenig das Institut. Den Bildungsplan 2004 kann man hier abrufen, den Bildungsplan 2016 hier. ||
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  8. Deutsches PISA-Konsortium (Hg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001.  || Zurück zum Text
  9. Einen ersten Einblick gibt D.Baacke: Medienkompetenz, Tübingen 1997 (Grundlagen der Medienkommunikation Bd 1, hg. v. E. Strassner) ||  Zurück zum Text
  10. In meinem Buch ‚Alte Sprachen und neue Medien‘ (Göttingen 2001) habe ich an Beispielen zu zeigen versucht, wie eine solche Projektarbeit aussehen kann, die produktive und rezeptive Elemente verbindet. – Wer das Internet benutzen will, sollte die einschlägigen Angebote kennen, nicht nur die bekannten Suchmaschinen, etwa Google (www.google.de), sondern auch die für den Lateinunterricht, in geringerem Grade auch für den Griechischunterricht wichtigen Antikenportale KIRKE: Anmerkung 2015: hier wird nur die 2015 gültige URL von KIRKE angegeben: www.kirke.hu-berlin.de || Zurück zum Text
  11. Die Website des Verfassers findet man unter www.hengelhaupt.de. || Zurück zum Text
  12. Ältere Übersetzungen, bei denen kein Urheberrecht mehr besteht, findet man auf der Seite http://www.gutenberg2000.de
    Anmerkung 2015: Seit einigen Jahren ist diese Bibliothek unter dem Dach des SPIEGEL beheimatet: gutenberg.spiegel.de. Weitere Online-Bibliotheken mit Übersetzungen auf dieser Website: Online-Bibliotheken
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  13. Bei www.hausarbeiten.de folge man dem Link README im Navigationsrahmen. Anmerkung 2015: Jetzt findet sich ein ausführlicher Hinweis mit gleicher Zielrichtung auf der Seite http://www.hausarbeiten.de/help/buyers#plagiarism br> || Zurück zum Text
  14. Christian Meier: Caesar, 4. Aufl. 1997
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  15. http://www.romanum.de/caesar.html.
    Anmerkung 2015: Die Website bietet jetzt Übersetzungen an; der im Text erwähnte Artikel über Caesar ist über Archive.org noch nachlesbar.
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  16. Näheres dazu in meinem oben erwähnten Buch „Alte Sprachen und neue Medien“ (s. Anm. 10).
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